Die Arbeiten des Jahres 1999 markieren eine experimentelle Phase meiner Malerei. Ausgangspunkt sind meist gegenständliche Figuren, die sich während des Malprozesses unter zahlreichen Farbschichten verändern. Aber natürlich gibt es auch in diesem Jahr ein Solitär „We Do What We’re Told“.

Gegenständlichkeit und Auflösung, Mensch und Natur, Licht und Materie treten in einen offenen Dialog. Die Gemälde dieser Werkgruppe zeigen nicht das fertige Motiv, sondern den Prozess seiner Verwandlung.

Malerei

Thomas Gatzemeier Die Argonauten 1999 Öl auf Leinwand 210 x 460 cm
Die Argonauten | 1999 | Öl auf Leinwand | 210 x 460 cm

Das monumentale Triptychon „Die Argonauten“ entstand 1999 in Öl auf Leinwand und gehört zu den Hauptwerken von Thomas Gatzemeier. Inspiriert vom antiken Mythos und der Auseinandersetzung mit Max Beckmanns Argonauten. Jedoch entwickelte sich während des Malprozesses eine eigenständige Bildwelt, in der figürliche Anklänge und expressive Malerei zu einer offenen Komposition verschmelzen.
Diese Arbeit können Sie auch im Detail auf der Seite des Soll und Haben Verlages betrachten. Thomas Gatzemeier die Argonauten

Thomas Gatzemeier We Do What We`re Told 1999 Öl und Seidenpapier auf Leinwand 200 x 160 cm
We Do What We`re Told | 1999 | Öl und Seidenpapier auf Leinwand | 200 x 160 cm

„Wir tun, was uns befohlen wird.“

Dieses Gemälde entstand 1999 nach meinem Besuch der vom Krieg schwer gezeichneten Stadt Dubrovnik. Dort beobachtete ich die Menschen beim Wiederaufbau. Überall wurden Balken getragen, Mauern errichtet und Dächer repariert. Das Leben kehrte langsam zurück.

Den englischen Satz „We Do What We’re Told“„Wir tun, was uns befohlen wird.“ – habe ich bewusst über das Bild gesetzt. Er beschreibt für mich weit mehr als die Arbeit der beiden Männer. Er stellt die Frage nach Gehorsam und Verantwortung.

Dieselben Menschen, die nach dem Krieg Häuser wieder aufbauen, lebten zuvor in einer Gesellschaft, in der Befehle befolgt wurden – oft mit verheerenden Folgen. Ich wollte nicht urteilen, sondern zeigen, wie schmal der Grat zwischen notwendigem Handeln und blindem Gehorsam sein kann. Wer trägt Verantwortung – derjenige, der befiehlt, oder auch derjenige, der ausführt?

Die Männer auf meinem Bild tragen Balken. Sie bauen auf. Gleichzeitig tragen sie eine symbolische Last. Das Bild erzählt deshalb nicht nur vom Wiederaufbau Dubrovniks, sondern auch von einer menschlichen Erfahrung, die weit über diesen Ort hinausreicht.

Die Schicht aus Seidenpapier über der Malerei ist für mich mehr als ein technisches Mittel. Sie wirkt wie ein Schleier der Erinnerung, wie Staub, der sich nach der Zerstörung auf alles legt. Sie schafft Distanz und macht deutlich, dass Geschichte niemals verschwindet – sie bleibt sichtbar, selbst wenn längst wieder aufgebaut wird.

WIKIPEDIA – DIE BELAGERUNG VON DUBROVNIK

Portrait eines Philosophen 1999 Öl auf Leinwand 80 x 55 cm
Portrait eines Philosophen 1999 Öl auf Leinwand 80 x 55 cm

Dieses Gemälde entstand nicht in einem Zug, sondern in einem langen Prozess des Überarbeitens.

Am Anfang stand ein deutlich erkennbares Porträt. Mit jeder neuen Farbschicht verschwand die Figur mehr und mehr, blieb jedoch unter der Oberfläche erhalten. Was sichtbar ist, ist zugleich Erinnerung an das, was verborgen wurde.

Mich interessiert dabei weniger die äußere Ähnlichkeit als die Frage, wie sich Denken und Erinnerung in Malerei übersetzen lassen. Das Porträt erscheint nicht auf den ersten Blick. Es erschließt sich erst dem geduldigen Betrachter, der bereit ist, hinter der dichten Farbstruktur nach dem verborgenen Gesicht zu suchen.

So entsteht ein Bild zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion – eine Malerei, in der das Sichtbare und das Verborgene untrennbar miteinander verbunden sind.

Thomas Gatzemeier Farbarnarchi 1999 Öl auf Leinwand 115 x 140 cm
Farbarnarchi | 1999 | Öl auf Leinwand | 115 x 140 cm

Der Titel Farbarnarchi ist eine Wortschöpfung aus Farbe und Anarchie. Gemeint ist nicht das Chaos um seiner selbst willen, sondern der Zustand, in dem sich die Farbe von der gegenständlichen Darstellung löst und ihren eigenen Gesetzen folgt.

Während des Malprozesses entstehen unzählige Schichten, Übermalungen und Verdichtungen. Die Komposition scheint sich aufzulösen, doch gerade aus dieser scheinbaren Unordnung wächst eine neue Bildordnung. Die Farbe wird zum eigentlichen Träger des Bildes. Sie beschreibt keine Gegenstände mehr – sie denkt selbst.

Farbarnarchi bezeichnet den Moment, in dem die Malerei ihre größte Freiheit erreicht und dennoch nicht ins Beliebige abgleitet. Hinter der scheinbaren Anarchie verbirgt sich eine innere Ordnung, die sich dem Betrachter erst nach und nach erschließt.

Thomas Gatzemeier Waldstück Lichtung 1998-99
Thomas Gatzemeier | Waldstück-Lichtung | 1998-99 | Öl auf Leinwand | 100 x 110 cm

Ausgangspunkt dieses Gemäldes sind drei menschliche Figuren. Während des Malprozesses werden sie Schicht für Schicht überarbeitet, bis ihre Körper allmählich mit der Landschaft verschmelzen.

Konturen lösen sich auf, aus Farbe werden Blätter, Äste und Licht. Mensch und Natur gehen ineinander über. Mich interessiert nicht die Landschaft als Abbild, sondern als lebendiger Organismus. Die Lichtung ist dabei kein geografischer Ort, sondern ein Zustand – ein flüchtiger Moment, in dem das Verborgene sichtbar wird, bevor es wieder in der dichten Malerei verschwindet.

In dieser Vorstellung einer fortwährenden Verwandlung sehe ich eine Nähe zu Europe After the Rain II von Max Ernst. Auch in dieser Arbeit lösen sich Figuren und Landschaft ineinander auf, sodass die Grenzen zwischen Mensch, Natur und Erinnerung aufgehoben werden. Während Max Ernst diese Bildwelt vermutlich aus einer surrealen Imagination entwickelt, entsteht sie in meiner Malerei aus dem Arbeitsprozess selbst. Am Anfang stehen deutlich erkennbare Figuren, die unter den Schichten der Farbe nicht verschwinden, sondern als verborgene Wirklichkeit weiterleben.

Das Bild erzählt deshalb nicht nur von einem Wald, sondern von der Verwandlung des Menschen in Natur – und von der Malerei als einem Ort, an dem diese Metamorphose sichtbar werden kann.

Thomas Gatzemeier Zwei Figuren 1998-99
Thomas Gatzemeier | Zwei Figuren | 1998-99 | Öl auf Leinwand | 100 x 110 cm

Ausgangspunkt dieses Gemäldes sind zwei menschliche Figuren. Während des Malprozesses werden sie Schicht für Schicht überarbeitet, bis sich ihre Konturen in einem flirrenden Raum aus Farbe und Licht auflösen. Die Gestalten bleiben erkennbar, erscheinen jedoch zugleich wie von der Malerei selbst durchdrungen.

Arbeiten auf Papier

Die Figur dahinter 1999 Tusche, Aquarell auf Kontopapier 42 x 51,5 cm
Die Figur dahinter 1999 Tusche, Aquarell auf Kontopapier 42 x 51,5 cm
Gedränge auf dem Kontoblatt 1999 Tusche, Aquarell auf Kontopapier 42 x 51,5 cm
Gedränge auf dem Kontoblatt 1999 Tusche, Aquarell auf Kontopapier 42 x 51,5 cm
Verdächtiger Schatten 1999